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Anfang Februar hatte ich in diesem Blog-Artikel mein Konzept zum „Marktplatz der Verbesserung“ vorgestellt. Seither gab es Feedback und Detailanregungen – auf einiges möchte ich in diesem Artikel eingehen.

Status Quo: Der kontinuierliche Verbesserungsprozess

Einige Unternehmen, mit denen ich in den letzten Wochen gesprochen habe, arbeiten derzeit an einem Konzept für ein betriebliches Vorschlagswesen. Die Motivation ist weitgehend ähnlich: Man ist überzeugt vom Nutzen eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses (Stichwort „Kaizen“) und möchte die Innovationskraft anregen, das Wissen der eigenen Mitarbeiter nutzen und Vorschläge umsetzen. Mitarbeiter sollen die Möglichkeit haben Vorschläge einzubringen, die ein Gremium begutachtet, bewertet, ggf. prämiert und zur Umsetzung bringt. Neben dem Nutzen für das Unternehmen durch wirkungsvolle Vorschläge, versprechen sich Unternehmen von diesem Konzept auch ein höheres Engagement und eine höhere Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. Schließlich werden Mitarbeiter direkt an der Gestaltung beteiligt – können also etwas bewegen.

Die Idee an sich hat richtige und gute Ansätze. Wie so oft liegt die Herausforderung in der Realisierung. Hier zeichnen Gespräche mit einigen Unternehmen, die schon seit Längerem ein betriebliches Vorschlagswesen eingeführt haben, ein zweigeteiltes Bild. Einerseits wurden Vorschläge eingebracht und umgesetzt, durch die messbare Verbesserungen erzielt werden konnten. Andererseits hat die Anzahl der Vorschläge mit der Zeit abgenommen. Auch wird beobachtet, dass Vorschläge immer wieder von denselben Mitarbeitern eingebracht werden. Gemessen an der gesamten Belegschaft beteiligt sich ein recht kleiner Anteil der Mitarbeiter. Mitunter kommt es bei der Bekanntgabe von Prämierungen hinter vorgehaltener Hand zu recht menschliche Reaktionen: „Der schon wieder!“ Auch die Dauer zwischen Idee und Umsetzung wird teilweise als nicht optimal beurteilt. Die Gremien, die die Vorschläge prüfen, kommen teilweise vierteljährlich zusammen. Wird ein Vorschlag angenommen und zur Umsetzung weitergegeben, beginnt häufig erst die eigentliche Arbeit. Mancher Vorschlag bleibt auch in den betrieblichen Mühlen stecken – trotz einer ausgezahlten Prämie. Wie sich das letztendlich auf die Motivation des Vorschlagenden auswirkt liegt auf der Hand.

Vom Wesen und Charme eines Marktes

Das Konzept des Marktplatzes der Verbesserung nutzt die Vorteile eines betrieblichen Vorschlagswesens, erweitert dieses Modell aber um Grundsätze eines freien Marktes.

Auf einem Markt treffen Angebot und Nachfrage aufeinander. Optimal geschieht dies bei völliger Markttransparenz, wenn also jeder Anbieter auch jeden Nachfrager sehen kann und umgekehrt. Zwar kommen Anbieter und potentielle Käufer mit eigenen Vorstellungen auf den Markt was Preis und Beschaffenheit eines Gutes angeht, häufig aber ist der Möchtegern-Käufer bereit, seine Erwartungen an die Beschaffenheit und den Preis eines angebotenen Gutes anzupassen. Der Anbieter wiederum wird sein Warenangebot überdenken, wenn er feststellt, dass sich niemand dafür interessiert. Ein guter Verkäufer merkt, was Käufer tatsächlich wünschen. Er wird dann versuchen, entsprechende Waren anzubieten – vorausgesetzt er kann damit gut verdienen. Oder sagen wir es allgemeiner: vorausgesetzt, er hat etwas davon.

Diese Anpassung, dieses Angleichen von Angebot und Nachfrage, kommt nicht von selbst. Sie findet in einem Prozess statt, den viele besonders mögen: dem Handeln und Feilschen. Zwanglose Kommunikationsprozesse sind wesentlich für funktionierende Märkte.

Jetzt gibt es aber auch viele Zeitgenossen, die nicht unbedingt mit der Absicht zu Kaufen oder zu Verkaufen einen Markt besuchen. Ich selbst zähle mich auch dazu. Ich liebe es geradezu, über den Radolfzeller Wochenmarkt zu schlendern – auch ohne Einkaufzettel. Ein prosperierender Markt bietet nämlich nicht nur Güter. Er bietet eine Atmosphäre. Er ist einUmschlagplatz für Informationen. Man trifft sich, sieht und wird gesehen. Manche beliebte Märkte versprühen regelrecht einen eigenen Charme. Je entspannter man selbst beim Marktbesuch ist und je weniger man unter Zeitdruck steht, umso angenehmer wird das Erlebnis. Nicht ohne Grund freuen sich viele darauf im Urlaub einen beliebten Markt besuchen zu können.

Marktplatz vs. betriebliches Vorschlagswesen

Diese Grundsätze und Erlebnisse eines Marktes haben jetzt nur noch sehr wenig mit den bekannten Modellen eines betrieblichen Vorschlagswesens zu tun. Diesem mangelt es häufig an Transparenz. Die Wirkung ist einseitig: es ist ein Markt der Anbieter. Diese erfahren aber selten, was derzeit tatsächlich nachgefragt wird. Denn wenn Unternehmen nach Lösungen für akute Anforderungen suchen, so wird häufig in dem gleichen keinen Personenkreis nach einer Lösung gesucht. Auch findet selten eine zwanglose Kommunikation zwischen dem Anbieter und dem Nachfrager statt. In vielen Fällen gibt es gar keinen Nachfrager. Es gibt lediglich ein Gremium, das ein Angebot bewertet. Dabei kann es vorkommen, dass auch das Gremium einen potentiellen Käufer einer Idee gar nicht kennt, denn derjenige, der nach einer Lösung für eine Anforderung sucht, mag darüber das Gremium gar nicht informiert haben. Die Schlussfolgerung führt wieder zur Idee des Marktes: dort braucht es kein zwischengeschaltenes Gremium, aber Transparenz, damit Anbieter und Nachfrager zueinander finden können. So erfährt der Anbieter, was genau der Nachfrager braucht und der Nachfrager erfährt, welche Beschaffenheit das angebotene Gut hat. Durch den Handel gleichen sich beide einander an, oder aber der Nachfrager wird auf einen anderen Anbieter aufmerksam, der den Bedarf erkennt und schnell genug ist, ein passendes Angebot zu machen.

Der Traum vom vollkommenden Markt

Optimal funktioniert ein Markt wenn er frei und vollkommen ist. Allerdings ist ein freier, vollkommener Markt Illusion – und das gilt auch für einen vollkommenen Marktplatz der Verbesserung. Auf einem vollkommenen Markt sind Anbieter und Nachfrager zahlreich, die angebotenen Güter sind gleich und es herrscht Transparenz. Zumindest die ersten beiden Grundsätze treffen kaum auf einen Marktplatz der Verbesserung zu, selbst bei großen Organisationen. Und die Schaffung von Transparenz dürfte bei der Umsetzung so manchem Bauchschmerzen bereiten. Auch der bekannte Mechanismus, dass Angebot und Nachfrage den Preis regelt, dürfte auf einem Marktplatz der Verbesserung kaum in Gang kommen. Das gilt selbst dann, wenn eine Idee durch einen Käufer ähnlich dem betrieblichen Vorschlagswesen mit einer Prämie belohnt wird. Schließlich sind die Käufer innerhalb eines Unternehmens selten zahlreich und ein Wettbewerb um eine Idee wird nicht stattfinden. Auch ist eine Idee nicht zahlenmäßig begrenzt, dieselbe Idee lässt sich beliebig oft umsetzen, sofern eine Nachfrage besteht. Umgekehrt wird der Markt jedoch in Gang kommen können. Denn eine Anforderung wird das Interesse von mehreren Marktteilnehmern wecken, die sich dann auch mit einer eigenen Lösungsidee melden.

Obwohl kein realer Markt ein vollkommener Markt ist (zumindest kenne ich keinen), nutzen wir alle Märkte. Also spricht ein gewisser Mangel gemessen am Ideal auch nicht gegen einenMarktplatz der Verbesserung. Unvollkommene Märkte unterliegen einer gewissen Regulierung und Aufsicht und genießen auch einen gewissen Schutz, um überhaupt prosperieren zu können. In früheren Jahrhunderten wurde das Marktrecht durch einen Fürsten, häufig durch eine hohe Instanz wie dem König oder gar Kaiser verliehen. Er war auch der Schirmherr des Marktes, gewährte ihm seinen Schutz und er gab auch Regeln und Maßstäbe vor. Nicht selten hatte er sogar das nötige Umfeld einzurichten und eine Infrastruktur aufzubauen. Dabei handelte der Herrscher auch in eigenem Interesse. Gut gehende Märkte warfen nicht nur für Kaufleute Gewinne ab und stellten die Bevölkerung zufrieden. Sie stärkten die Wirtschaft insgesamt und sorgten für höhere Steuereinnahmen.

Marktgrundsätze angewandt

Diese Analogie besteht auch für den Marktplatz der Verbesserung. Dieser Markt kann nur funktionieren, wenn das oberste Management das Marktrecht verleiht, den Markt also selbst will. Damit sind auch die Verantwortlichkeiten klar definiert und es ist bestimmt, wer den Markt in Gang zu bringen hat. Und wie auch in früheren Zeiten obliegt es dem obersten Management, das entsprechende Marktumfeld zu schaffen. Dieses Umfeld besteht primär aus drei Säulen:

  • einer angenehmen Markt-Atmosphäre;
    diese findet ihre Grundlage in einer angepassten Arbeits- und Führungsphilosophie.
  • einer Infrastruktur, um den Markt nutzen zu können
    d. h. die Bereitstellung entsprechender Werkzeuge, in der Regel innerhalb des Intranets des Unternehmens
  • Regeln und Maßnahmen, um einen Markt in Gang zu bringen und in Gang zu halten,
    also Methoden und Prozesse.

Der Architekt

Ein König oder Kaiser hat sich in früheren Zeiten nicht selbst darum gekümmert, ein entsprechendes Marktumfeld zu schaffen. Er hat zwar seine Vorstellungen eingebracht und mit Interesse die Entstehung des Umfelds und das spätere Marktgeschehen verfolgt – die Realisierung des Marktes hat er jedoch anderen überlassen. In dieser Rolle sehe ich mich, gewissermaßen als der Architekt eines Marktes, nicht aber als der Bauherr. Der Bauherr ist der CEO, der geschäftsführende Gesellschafter, der Inhaber. Meine Leistung liegt darin, die interne Auseinandersetzung mit der Arbeits- und Führungsphilosophie zu moderieren, damit eine angenehme Markt-Atmosphäre entstehen kann. Ich unterstütze beim Aufbau der Infrastruktur, indem ich meine Erfahrung einbringe, welche Anforderungen an eine geeignete Marktplattform bestehen. Hierfür habe ich begonnen Gespräche mit unterschiedlichen Softwarelösungsanbietern zu führen. Dort, wo bereits ein Intranet lebt, arbeite ich Vorschläge aus, wie dieses erweitert werden kann, um als Marktplattform genutzt werden zu können. Wo gewünscht, übernehme ich für die Implementierung auch das Projektmanagement oder unterstütze den internen Projektmanager. Und nicht zuletzt steuere ich meine Erfahrung zu Methoden und Grundsätzen bei, um individuell auf das Unternehmen angepasste Prozesse, Methoden und Regeln zu entwerfen. Schließlich soll der Markt in Gang kommen und in Gang bleiben.

Damit, wie man den Markt in Gang bekommt und welche Rolle dabei das Stichwort „Planungszelle“ spielen kann, wird sich mein nächster Blogbeitrag zum Marktplatz der Verbesserung befassen. Für diesen Beitrag freue ich mich auf offenes Feedback, praktisch als erste Übung zu einem Marktplatz.

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